RAC München-Bavaria mit den jungen Asylsuchenden Vor dem Museum Fünf Kontinente

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge erleben München und Umgebung

Was bewegt Menschen dazu, ihre Familien, Freunde und ihre Heimat zu verlassen? Kriege, Terroranschläge, chaotische Zustände und eine ungewisse Zukunft haben in den letzten Monaten viele Menschen entwurzelt und zu hilfesuchenden Flüchtlingen gemacht. Deutschlandweit sprechen sich Rotaracter für die Akzeptanz und Offenheit gegenüber diesen Flüchtlingen aus. Der RAC München-Bavaria hat seit Beginn dieses Jahres vier Aktionen mit minderjährigen Flüchtlingsjungen durchgeführt. Ziel war es, den Kindern und Jugendlichen eine Auszeit aus ihrem Alltag zu ermöglichen und ihnen zu zeigen, dass sie willkommen sind.

Die Bayernkaserne in München dient als eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. In mehreren Häusern sind 2000 Flüchtlinge, hauptsächlich aus Syrien, Pakistan, Afghanistan, dem Irak, Somalia, Nigeria oder auch dem Kosovo, untergebracht. 500 davon sind minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Verschiedene Hilfsorganisationen kümmern sich um die vor Krieg und Terror geflohenen Menschen. Leider ist das Personal meist knapp besetzt, sodass die Flüchtlinge nur mit dem Nötigsten versorgt werden und ihrem Alltag und den Albträumen der vergangenen Monate nicht entfliehen können. Freizeitaktivitäten können nur selten geboten werden. Diese sind jedoch wichtig, um die schrecklichen Erlebnisse der Flucht und den Verlust Familienangehöriger und Freunde zumindest für kurze Zeit auszublenden. Aufgrund dieser Umstände hat sich der RAC München-Bavaria entschlossen, eine groß angelegte Sozialaktion für minderjährige Flüchtlinge zu starten, um den Kindern und Jugendlichen ein paar schöne Stunden zu bescheren. Gerade ihnen fehlt der Ausgleich zum Leben in einer Flüchtlingsunterkunft am meisten und sie sehen täglich das Leid und die Sorgen in den Augen aller Anwesenden. Ziel dieser Sozialaktion sollte es sein, die Jugendlichen nicht nur an einem einzigen Tag aus ihrem Alltag herauszuholen, sondern ihnen regelmäßig eine Auszeit zu bieten.

Schon im Frühling war die heute stark verschärfte Flüchtlingssituation dramatisch. In einer anderen Umgebung sorgenfrei Zeit miteinander zu verbringen und gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten, sollte den Jugendlichen das Gefühl von Miteinander zurückgeben. Deswegen ging der RAC München-Bavaria mit den minderjährigen jungen Männern zu Jahresbeginn zum Bowling. Sowohl die Jungs als auch die Club-Mitglieder hatten Spaß, wenngleich es ein paar Herausforderungen zu meistern galt, z.B. bei der Ausleihe der Bowlingschuhe und dem Einspeichern der 25 arabischen und afrikanischen Namen. Beim Bowling selbst stellte sich schnell das beabsichtigte Miteinander ein und die jungen Männer hatten offensichtlich viel Freude: sie spielten teilweise richtig professionell! Bei einigen besonders Engagierten mussten die Helfer ab und zu eingreifen, damit auch die etwas Ruhigeren zum Zug kamen. Alles in Allem konnte der Tag jedoch für alle erfolgreich gestaltet werden.

Während des Spiels hatten die Mitglieder des Clubs Gelegenheit, sich mit einigen der Teilnehmer näher zu unterhalten: „Die schlimmen Berichte haben uns tief getroffen. Es ist wirklich traurig, was diese jungen Menschen bereits an Schrecklichem erlebt haben“, sagt Franziska Vogel, Sozialbeauftragte beim RAC München-Bavaria. Monatelange Nachtwanderungen, der Zwang, sich tagsüber im Wald verstecken zu müssen und die ständige Angst, von den Taliban oder anderen Terrororganisationen entdeckt und anschließend gefoltert oder getötet zu werden, haben ihre Spuren hinterlassen und alle schwer belastet. Viele haben ihre Eltern und Geschwister verloren oder leben bis heute in der Ungewissheit, wo sich diese befinden und was mit ihnen geschehen ist. Deshalb gab es neben den fröhlichen jungen Männern auch einige, die ruhig und in sich gekehrt blieben.

Vorfreude...Die zweite Aktion des RAC München-Bavaria fand im Fünf-Kontinente-Museum in München statt. Dieses beherbergt Kunstwerke und Fotografien aller fünf Kontinente. Das erste Highlight des Ausflugs war die prachtvolle Maximilianstraße an sich. Die Jungs kannten bisher nur die trostlose Bayernkaserne und das Bahnhofsviertel und waren von den gepflegten, majestätisch anmutenden Gebäuden mit den zahlreichen Luxusgeschäften sehr beeindruckt. Im Museum selbst konnten sie dann wieder ein bisschen Heimatluft schnuppern, da sie hier der Kunst und Kultur ihrer Heimatländer begegneten. Besonders gefiel ihnen der Ausstellungsteil zur arabischen Sprache und den Schriftzeichen. Hier konnten sie auf einer Leinwand mit Farbstiften zeigen, wie gut sie die kunstvolle und verschnörkelte arabische Schrift beherrschten. Die Mitglieder des RACs waren begeistert von den Fähigkeiten dieser jungen Männer – und schämten sich insgeheim ein wenig für die typisch deutsche Männerhandschrift. Nach dem Museumsbesuch konnte das fantastische Wetter genutzt werden, um gemeinsam einen Abstecher in den Englischen Garten zu machen. An der berühmten Surferwelle beobachteten die jungen Männer gebannt die komplexen und flinken Bewegungen der Wellenreiter. Ihrem Wunsch, auch ins Wasser zu gehen, konnte der Club leider nicht nachkommen, da die meisten von ihnen Nichtschwimmer waren. Mit einem langen Spaziergang durch den Park vorbei an der Residenz mit dem blühenden Hofgarten wurde der Ausflug schließlich beendet. Die höflichen und zuvorkommenden Jungs, die wie selbstverständlich in der U-Bahn den älteren Leuten Platz machten, waren sehr dankbar für diesen Ausflug und bedankten sich nach ihren Möglichkeiten: sie brachten den durstigen Helfern des RAC nach der Rückkehr in die Kaserne Wasser aus dem Wasserspender.

Im Mai wollte der RAC „seinen Jungs“ die schönen bayerischen Berge zeigen. Die Ausflüge des RACs hatten sich inzwischen herumgesprochen und so kamen dieses Mal 25 statt der eingeplanten 15 Teilnehmer mit – erstmalig waren auch Jüngere im Alter von etwa zwölf Jahren dabei. „Wir fuhren zunächst mit der bayerischen Oberlandbahn bis zum wunderschönen Tegernsee. Die bayerische Landschaft in ihrem satten Grün zusammen mit der typischen Fauna faszinierte die Jungs. Sie klebten am Fenster und machten mit ihren Smartphones wie wild Fotos von den Bergen und den fetten bayerischen Kühen“, berichtet der RAC München-Bavaria.

Wanderung auf die Neureuther HütteDie jungen Flüchtlinge hatten nach den vorangehenden Ausflügen Vertrauen gefasst und waren den Clubmitgliedern gegenüber sehr offen. Achmed erzählte in der Bahn, dass er gelernter Friseur sei und seine Friseurschere aus Pakistan wie einen Schatz hütete. Mit dieser hatte er vielen der jungen Männer denselben modernen Haarschnitt geschnitten – oben lang, an den Seiten kurz. Am Tegernsee angekommen, machte sich die Gruppe an den Aufstieg hoch auf die Neureuther Hütte: „Die Jungs waren alle unglaublich fit und wir hatten Mühe, mit ihnen Schritt zu halten“, gaben die Clubmitglieder zu. Aus der im Reiseführer angekündigten dreistündigen Wanderung wurde somit eine zweistündige. Auf dem Gipfel wurde der Proviant verteilt und einige der Jugendlichen kamen – wie schon in der Bahn – auf die Idee, laut arabische Musik mit ihren Handys abzuspielen. Da diese nicht wirklich zur idyllischen Almumgebung passte, und sich einige weitere Wanderer gestört fühlten, wurden sie von den Mitgliedern gebeten, die Musik auszuschalten. Amüsanterweise hatten die jungen Männer einen kleinen Taschenspiegel dabei, in dem sie sich nacheinander kritisch betrachteten, den ein oder anderen Schweißtropfen wegwischten und ihre von Achmed geschnittenen Haare wieder zur Perfektion richteten.

Der Weg hinab führte die Gruppe über einen steileren Pfad. In halsbrecherischen Aktionen rannten viele der jungen Männer ausgelassen und losgelöst abseits des Wanderwegs durch die Bäume hinab. Die brenzlige Situation nahm dem RAC zufolge ein gutes Ende: „Wie durch ein Wunder verletzte sich dabei keiner. Als wir unten ankamen, entschlossen wir uns kurzerhand, noch einen Abstecher zum See zu machen. Der Tag war relativ warm und einige Jungs wagten sich ins Wasser. Keiner konnte schwimmen und wir waren froh, dass der Uferbereich flach war und sie sich an unsere Anweisung hielten, vorne zu bleiben.“

Die ganze Mannschaft auf dem SchiffDie nächste Aktion umreißt der RAC München-Bavaria so: „An einem Sonntag im Juni machten wir mit den Flüchtlingsjungs eine Schifffahrt auf dem Starnberger See.“ Mit der SBahn fuhren sie gemeinsam von München hinaus nach Starnberg. Da aufgrund des Ramadans viele der älteren Jungs geschwächt waren, kamen diesmal fast nur die jüngeren der bisherigen Teilnehmer mit, die von der Fastenzeit nicht betroffen waren. Deswegen waren auch einige Betreuer vom hpkj e.V. (Heilpädagogisch-Psychotherapeutische Kinder- und Jugendhilfe e.V.) anwesend. Der Ausflug mit Jüngeren war eine ganz andere Herausforderung: „Wir zählten ständig nach, damit uns keiner verlorenging. Auf dem überfüllten Münchener Hauptbahnhof geht das manchmal schneller als man denkt. Wir konnten jedoch jeden bei uns behalten und freuten uns, als wir allesamt auf dem Schiff waren.“

Trotz schlechter Wettervorhersage regnete es nicht, und alle Teilnehmer und Clubmitglieder verbrachten den ersten Teil der Rundfahrt an Deck. „Wir hatten zunächst Bedenken, ob eine Fahrt auf dem Wasser für die Jungs geeignet wäre, da einige über den Seeweg geflüchtet waren“, gibt die Sozialbeauftragte des Clubs Einblick in die Planung. Niemand der Teilnehmer zeigte aber Anzeichen von Unwohlsein oder Angst und nach einer Weile verschwanden viele von Deck und spielten im Schiff mit den Clubmitgliedern UNO. Dieses Kartenspiel aus ihrer Spielesammlung war eines ihrer Favoriten. Auch für diesen Ausflug hatte der RAC wieder ordentlich Proviant eingekauft und die Jungs ließen es sich schmecken. Einige wollten ihren Proviant sogar mit den Enten teilen, welche auch gierig danach schnappten. Hier musste aus Tierschutzgründen jedoch Einhalt geboten werden. Auf dem Rückweg begleiteten die Clubmitglieder die Jungs bis nach Hause – dieses Mal nicht in die Bayernkaserne: „Wir wollten uns einen Eindruck von ihrer neuen Unterkunft verschaffen, denn sie waren in der Woche davor aus der Bayernkaserne in ein renoviertes Gebäude in die Münchener Innenstadt gezogen. Dort haben sie mehr Platz und es gibt großzügig gestaltete Gemeinschaftsräume. Unsere nächsten Aktionen werden wir wohl in diesem Gebäude abhalten und zusammen mit den Jungen und Mädchen Bilder für die kahlen Wände malen. Auch Spiele- und Bastelnachmittage haben wir geplant“, eröffneten die Clubmitglieder die weitere Planung ihres langfristigen Engagements. Die Aktionen zeigen, dass Helfen immer in zwei Richtungen wirkt: für die Auszeit, die die Clubmitglieder den Flüchtlingsjungs ermöglicht haben, bekamen sie eine Fülle von neuen Erkenntnissen und Eindrücken zurück.

Autor: Franziska Vogel | Rotaract Club München-Bavaria

Fotograf: Franziska Vogel, Tina Fürmetz und Vincent Leuthood | Rotaract Club München-Bavaria