Hermann Scherer

Provokative Ideen für Rotaracter, die was erreichen wollen

Über 2.000 Vorträge vor rund 500.000 Zuhörern hat Hermann Scherer bereits gehalten – und dabei stets das Thema im Blick, wie wir unser Potenzial entdecken und nutzen können. Auf der DeuKo in Darmstadt riss Hermann Scherer uns als „Glückskinder“ mit – und sorgte für gute Stimmung im Festakt. Wir Rotaracter sind ja auch oft provokativ unterwegs, im ursprünglichen Wortsinn einer Herausforderung und Berufung. Grund genug, mit dem Rotarier Hermann Scherer (RC München Flughafen) zu seinem neuen Buch „Fokus“ zu sprechen, indem es genau darum geht: Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen.

Von Tim-Benjamin Lembcke | RAC Berlin

“Glückskinder sind Menschen, die Chancen sehen und ergreifen, zum Gestalter des eigenen Lebens werden, die Welt ein wenig besser verlassen, als sie diese vorgefunden haben.” – Herman Scherer (RC München Flughafen) – Bild: Herman Scherer

Auf unserer Rotaract Deutschland Konferenz in Augsburg habe Sie uns mit einem Vortrag über Glückskinder und Chancenintelligenz mitgerissen. Was sind Glückskinder und würden sie sich selber als eines bezeichnen?

Glückskinder sind in meinem Zusammenhang Menschen, die Chancen sehen, nutzen und ergreifen somit Gestalter des eigenen Lebens werden die Welt ein wenig besser verlassen als sie diese vorgefunden haben. Man könnte fast sagen vergleichbar mit Rotariern. Die Beurteilung ob ich in diesem Kontext ein Glückskind bin überlasse ich gerne anderen.

Sie beschreiben Chancenintelligenz als etwas im Kern Spirituelles. Wie haben Sie diese Intelligenz in Ihrem Leben erlebt? Und wann ist Sie Ihnen das erste Mal aufgefallen?

Nun, wir alle spüren doch manchmal das, was Goethe so schön wie folgt ausdrückte:

„In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch diese Entscheidung und sie sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je erträumt haben könnte.“

Das ist in meinen Augen eine gute Beschreibung dessen was ich vergeblich zu formulieren versuche. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das das erste Mal erlebt habe, jedoch will ich hoffen, dass wir am liebsten täglich solche Erfahrungen machen können.

Können Rotaracter im sozialen Engagement ihre Chancenintelligenz trainieren?

Ja, natürlich und am liebsten in den Kleinigkeiten. Es gab diese berühmte Studie von Matt Weinstein und Dale Larsen über den so genannten „Random Act of Kindness“, also den zufälligen Akt der Güte (Beschreibung weiter unten). Die Forscher konnten zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch einem anderen hilft, viermal so hoch ist, wenn ihm kurz vorher etwas Gutes widerfahren ist.

Seitdem lassen die Autoren der Studie überall wo sie gerade sind, eine kleine Münze fallen, auf dass sie jemand finde und sich darüber freue. Das meine ich mit Kleinigkeiten, die jeder jederzeit tun kann – und dabei geht es nicht nur um Geldmünzen. Und das ist manchmal hilfreicher als langatmig organisierte Projekte.

Über 2.000 Vorträge vor rund 500.000 Zuhörern hat Hermann Scherer bereits gehalten – und dabei stets das Thema im Blick, wie wir unser Potenzial entdecken und nutzen können. – Foto: Hermann Scherer

Man denkt bei Ihnen sofort an die vielen Reden und Vorträge, Sie sind aber auch hin und wieder in einem so genannten Schweigekloster gewesen. Wie hält Hermann Scherer es aus, eine Woche lang zu schweigen?

Besser als Sie glauben. Nach einer Woche Stille wird uns erst bewusst mit wie viel Lärm wir uns umgeben. Nach so einer Woche kommt mir mein Autoradio immer wie ein Folterinstrument vor.

Bei Ihrem letzten Besuch hatten Sie ein Schlüsselerlebnis – verraten Sie uns, welches?

In dieser Schweigewoche durfte ich einmal mein Kommunikationsventil öffnen und mit meinem Meister fünf Minuten sprechen. So fragte ich: „Meister! Was ist für dich Leistung?“ Er blinzelte nicht einmal und antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Leistung ist Potenzial minus Störfaktoren.“

Wir alle sind hochintelligent und wir tragen ein riesiges Potenzial in uns. Wir sind außergewöhnlich. Wir sind besonders, jeder auf seine Weise. Wir sind bemerkenswert. Wir sind wunderbar! Nur leider scheint bei vielen von uns, und da schließe ich mich nicht aus, dieses außergewöhnliche Potenzial unter einer großen Last von Hindernissen, Behinderungen, Hemmnissen verschüttet, wenn nicht sogar erdrückt worden zu sein. Ich liebe diese Aussage so sehr, denn sie beschreibt die Herausforderung menschlichen Seins in der heutigen Zeit deutlich und pointiert.

Und was hat diese Erkenntnis mit Ihnen gemacht?

Sie hat mich inspiriert noch fokussierter zu sein und darüber ein neues Buch zu schreiben mit dem Titel „Fokus! Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen.“ Denn  jeder hat ein riesiges Potenzial. Das ist nicht die Frage. Die Frage und der Punkt ist: Wie gut kommen Sie an Ihr Potenzial heran?

Rotaract steht – wie andere Vereine auch – oft vor der Herausforderung, dass es durch den gemeinschaftlichen Entscheidungsprozess schnell zu einer Vielzahl von Einwänden kommen kann. Und dann geht es nicht mehr richtig voran. Haben Sie einen Tipp, wie wir dies in unseren Clubs verhindern können, damit wir mit voller Kraft voraus starten können?

Es braucht Freiheiten und das dazugehörige Vertrauen. Wir erleben heute zu viel Organisation, Kontrolle und Misstrauen. Viele Unternehmen beginnen sich zu sehr selbst zu verwalten, erleben, wie sie sich zu sehr um das Unternehmen und zu wenig um die Kunden kümmern. Dazu kommen zu viele Absicherungsmechanismen. Sie sehen das an den vielen Mails die cc und bcc versendet werden, damit ja jeder alles weiß und mit in die Verantwortung genommen werden kann. Ich kenne Unternehmen, da sind Mitarbeiter zu über 70 % in meist viel zu langen Meetings. Die haben keine Zeit mehr zu arbeiten.

Kleine Erweiterungen der Befugnisse können da schon der erste Schritt sein. In unserem Club hat der Präsident ein Budget von 1.000 Euro frei um – sofern er es für angebracht hält – spontane und schnelle Entscheidungen zu treffen und zu helfen.

Random Act of Kindness – von Matt Weinstein und Dale Larson

In einem früheren Zeitalter, als es noch keine Smartphones, aber dafür noch Münztelefone gab, stand eine Frau, die mit einem Berg Paketen beladen war, in der Nähe einer eben solchen Telefonzelle, in die man Münzen stecken konnte, um zu telefonieren.

Dazu bediente man sich eines an einer komischen, Metal umwickelten Schnur befestigten Hörers von der Form eines Knochens. Unten an dem lächerlich großen Apparat, der an der Wand der Zelle hing, war ein kleines ausklappbares Fach aus Metall. Von der Wählscheibe will ich erst gar nichts erzählen, das würde nur verwirren, aber dieses Fach, um das geht es mir jetzt: Es ist das Fach, wo das Wechselgeld hineinfällt.

Zur Verdeutlichung: Sie werfen Geldstücke durch einen Schlitz oben rein und telefonieren, und am Ende ist das noch nicht abtelefonierte Geld übrig und der Automat spuckt das Wechselgeld aus wie ein einarmiger Bandit in Las Vegas an einem Glückstag. So einen Glückstag hatten Sie damals dann, wenn der Telefonierende vor Ihnen vergessen hatte, beim Verlassen der Telefonzelle das kleine Fach zu öffnen, um zu prüfen, ob da noch ein kleiner Jackpot für ihn übrig war, und seien es auch nur zehn Pfennig. Aus diesem Grund war es die Angewohnheit aller Menschen, beim Betreten der Telefonzelle kurz das Fach zu öffnen, ob da nicht so ein im Kalender verirrter klitzekleiner Nikolaus auf sie wartete.

Und da war diese Frau mit den Paketen. Die gehörte natürlich zum Versuchsaufbau und war somit instruiert: Sie sollte einfach genau in dem Moment, in dem jemand aus der Telefonzelle herauskam, stolpern und hinfallen, so dass alle Päckchen auf den Boden fielen.

Die Frage, die Larsen und Weinstein nun so spannend fanden, dass sie sie so aufwendig untersuchten, war: Wie viele der Versuchspersonen würden der Frau helfen, ihre Pakete wieder einzusammeln?

Die Frage war, ob es einen Einfluss haben würde, ob die Versuchspersonen vorher scheinbar zufällig in der Telefonzelle ein Glückserlebnis hatte, eben weil sie eine Münze im Münzfach vorgefunden hatte und wie stark würde der Effekt ausfallen? Um wieviel größer wäre die Gruppe der Hilfsbereiten durch ein kurz zuvor erfahrenes kleines Glück? Es waren viermal so viele!